Reihe, Kontrolle, Ente im Schwimmreifen

Perfektionismus: Wann ist „gut genug“ gut genug?

Immer wieder kommt das Thema Perfektionismus auf, egal ob bei Klienten, Freunden oder bei mir selbst: Das Gefühl, es nicht „richtig perfekt“ gemacht zu haben und dem eigenen Anspruch nicht zu genügen, kann eine ganze Menge Druck aufbauen. Dazu kommt häufig Unzufriedenheit, Selbstzweifel und ein liebloser Umgang mit sich selbst. Perfektionismus hat häufig Auswirkungen auf unsere Gefühle: Angst vor Fehlern, Angst zu versagen, Angst vor Ablehnung oder Unzufriedenheit, Frust.

Da geht noch mehr!

Perfektionisten geben sich nur sehr selten oder nie zufrieden, denn es geht immer noch besser, schöner, stärker, reicher. Frustrierend und fordernd, für andere Persönlichkeitsstrukturen gar nicht vorstellbar. Um so wichtiger ist die Erkenntnis, dass Perfektionismus häufig schon früh entwickelt wird, oft schon in der Kindheit. Hohe Standards können die Hoffnung beinhalten, durch deren Erfüllung Liebe zu erhalten. Sicher kann der hohe Maßstab aber auch von außen eingefordert werden. Häufig ist er dann an Anerkennung geknüpft: Wenn die Leistung stimmt, dann bist du es wert, geliebt zu werden.

Perfektionismus ist nicht gleich Perfektionismus

Aber Perfektionismus nicht gleich Perfektionismus. Je nach Definition und Ansatz werden verschiedene Dinge unterschieden. Mich hat es am weitesten gebracht, erst einmal für mich zu erkennen, dass es unterschiedliche Ausprägungen gibt:

  • Perfektionismus auf sich selbst bezogen
  • sozial vorgeschriebener Perfektionismus
  • fremdorientierter Perfektionismus

Für mich haben diese drei Ausprägungen eine gute Erklärung geliefert, warum mir manche Dinge so was von egal sind und andere Situationen mich ziemlich fordern. Eine schöne Erkenntnis, dass Perfektionismus sich nicht immer durchzieht.

Was für den einen, wie das verständliche Bestreben klingt, besser zu werden, ist für Perfektionisten ein Teufelskreis. Denn es ist ein innerer Antrieb, der innerliche Selbstkritik entstehen lässt. Viel zu oft ist der eigene Anspruch selbst bei Höchstleistung nicht erreicht und wenn es doch einmal so sein sollte, dann wird der eigene Anspruch beim nächsten Mal einfach noch höher sein. Was kann ich mit dieser Erkenntnis anfangen? Hier gibt es für jeden unterschiedliche Wege, ich habe mich für den Folgenden entschieden.

Ich akzeptiere meinen Perfektionismus.

Das geht natürlich nicht immer, da es Situationen gibt, wo er mir dann doch wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Doch es gibt ja auch viele Momente, in denen mir gerade mein Perfektionismus hilft, Ehrgeiz und Willen zu entwickeln. Manch eine Aufgabe braucht ein gewisses Maß an Perfektionismus. Manchmal versuche ich auch, diesen Teil von mir bewusst zur Seite zu schieben und damit aktiv an meiner Persönlichkeit arbeiten. Das Gute an der Akzeptanz ist, dass ich auch liebevoll mit der Perfektionistin in mir umgehen kann. Ich muss Sie nicht beschimpfen und in die Ecke stellen, sondern kann sie liebevoll auffordern, „doch mal einen Kaffee trinken zu gehen“.  Ein anderer Teil von mir – die Selbstkritikerin – bekommt so das Selbstmitgefühl, das Sie benötigt, um sich umgekehrt auch mal zurückzulehnen.

Ich versuche eine Balance zum Perfektionismus aufzubauen

Um meinen Selbstzweifel – die innere Kritikerin – im Zaum zu halten, teste ich immer wieder aus, was passiert, wenn ich nicht auf sie höre. Ich trete in den Dialog mit ihr. Danke ihr, dass sie sich gemeldet hat, und erkläre ihr, dass ich es etwas anders sehe und alt genug bin, anders zu entscheiden. Zugegeben, auch hier ist stetiges Arbeiten angesagt, denn es gibt immer wieder Situationen, die mich mehr fordern und in denen ich die Selbstkritikerin auch nicht ausgeglichen bekomme. Doch eigentlich ist sie wie ein kleiner Welpe, sie testet immer wieder ihre Grenzen aus, je mehr ich sie liebevoll zurück auf ihre Decke schicke, desto besser gelingt es mir.

Doch die allerwichtigste Erkenntnis für mich: Perfektionismus hat auch etwas Gutes, wenn er auf der richtigen Spielwiese auftaucht.