Erschöpfung, Kraftlos, Burnout

Beginnendes Burnout: Wie erkenne ich das frühzeitig?

Vor wenigen Tagen hatte ich ein spannendes Gespräch mit meiner Kollegin Cara Sedlatschek, Sie ist Heilpraktikerin Psychotherapie im Süden von Deutschland. Wir haben uns lange über Burnout und die Möglichkeiten des Coachings bzw. der Psychotherapie ausgetauscht. Wir alle haben jeden Tag viel zu tun, wenig Zeit zur Entspannung, viel Druck in der Arbeit oder auch eine Familie mit kleinen Kindern und vieles mehr, kann uns in die Erschöpfung führen… Doch ab wann wird es gefährlich? Wann sollten wir uns, um uns selbst sorgen und die Reißleine ziehen?

Cara Sedlatschek, Heilpraktikerin Psychotherapie und ich – Petra Passoth, Systemische Business Coach und Trainerin – sprachen über das Thema, vor dem sich viele bereits unbewusst fürchten, dem Burnout. Leider steigen die Zahlen der Erkrankten in den letzten Jahren. So notiert die AOK das die Fehltage auf Grund von psychischen Erkrankungen seit 2012 um 48 Prozent gestiegen ist.

Cara: Lass uns damit gleich einsteigen: Was glaubst du Petra, warum erkranken immer mehr Menschen an Burnout?

Petra: Ich glaube, da gibt es mehrere Tendenzen: Zum einen, sind wir immer stärker in der Aktivität und Vorausplanung und vergessen dabei oft die Ruhephasen. Darüber hinaus ist man dann weniger achtsam und merkt ggf. auch nicht, wann es für einen selbst genug ist. Zum anderen ist unsere Welt fragiler oder auch zerbrechlicher, die Gewissheit auf Sicherheit ist nicht mehr so gegeben, wie es angenehm wäre, da die Wirkungen von Entscheidungen nicht mehr vorhersehbar sind. Und ich denke, damit haben wir alle irgendwie zu kämpfen, da es ein Umdenken bedeutet. Umdenken bedeutet mental raus aus der Komfortzone und kann je nach Persönlichkeit und Stärke ordentlich fordern. Wie berichten dir die Menschen in deiner Praxis, Cara?

Cara: Gute Frage. Oft, ist es nicht so eindeutig, als würde sich das Burnout-Syndrom über Jahre anschleichen. Es ist immer sehr individuell, welche Symptome als erste kommen. Grundsätzlich hat jeder Mensch eine genetische Anlage, wie resillient (widerstandsfähig) er ist. Dazu kommen noch sog. ‚Altlasten‘ aus der Kindheit, wie alte Leitsätze oder ähnliches und die aktuelle Lebenssituation. Die Situation kann einfach sein, dass man zweifache Mutter ist und schon kommt plötzlich alles ins Wanken, was man vielleicht vorher noch stemmen konnte. Das wollen sich dann viele nicht eingestehen, weil man sich ja eigentlich über Kinder freuen sollte. Dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, ist oft schwer im Kopf zusammen zu bekommen.

Petra, du hattest selbst vor einigen Jahren Burnout: Wie merkt man generell, dass es in Richtung Burnout gehen könnte und wie hat es sich speziell bei dir angefühlt?

Petra: Tja…, wenn ich das damals so gespürt und gemerkt hätte. Von außen kamen oft Hinweise. Wenn ich es in wenigen Worten pauschalisieren müsste: Gefühl nie ausgeschlafen zu sein, schlechte Laune und gleichzeitig übertriebener innere Antrieb. Pausen waren überbewertet. Es lässt sich jedoch etwas genauer beschreiben. Das Modell des amerikanischen Psychoanalytikers und Burnout-Pionier Herbert J. Freudenberger sorgt für mehr Verständnis, welche Symptome für welche Phase typisch sind:

Eigene Darstellung angelehnt an das Original von Freudenberg und North.

Diese Phasen zeigen sehr schön, wie sich Burnout langsam aufbaut. Die ersten Phasen werden meist von der Gesellschaft noch bewundert: Leistungsstreben, Perfektionismus und verstärkter Einsatz wird gerade in der Arbeitswelt oft gerne gesehen. Hier kommt dann ein gefährlicher ‚Kipp-Moment‘. Wenn man an hier nicht merkt, dass dieses Pensum nur für kurze Zeit gesund ist, fängt man an, eigene Grenzen zu überschreiten und so langfristig auch Symptome zu missachten. Was daraus folgt, ist leider ein Teufelskreis.

Cara: Und dann? Wer hat dir damals geholfen und das Burnout diagnostiziert?

Petra: Bei mir ging es dann so weit, dass ich beinahe unters Auto kam und mich eine sehr gute Coach, die damals mit mir als Klientin arbeitete, direkt gesagt hat, dass ich krank bin und dass sie nicht mehr weiter mit mir arbeiten kann. Und auch da, habe ich es noch nicht wirklich begriffen. Erst am anderen Tag als meine Ärztin mich krankgeschrieben hat, habe ich gemerkt, dass es echt ernst ist. Doch wahr haben wollte ich es nicht. Heute weiß ich, dass ich das Modell bis zur letzten Stufe inkl. einer Depression einmal durchlaufen habe.

Ab wann sollte man sich helfen lassen und ist man da beim Coach oder doch eher beim Therapeuten gut aufgehoben?

Cara: Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Vereinfacht gesagt, hilft einem zu Beginn sicherlich Coaching. Um so ‚dunkler‘ das Ganze wird, sollte man eher einen Therapeuten aufsuchen. Eine klare Trennung ist aber nicht zu ziehen. Bei mir, in der Psychotherapie, arbeite ich in akuten Phasen stärkend und in stabilen Zeiten eher aufdeckend. Das ist dann meistens präventiv.

Meiner Therapie geht eine Diagnose voraus. Danach ist sie eher langfristig angesetzt, da es mehr darum geht, Altlasten sauber zu verarbeiten, den eigenen Selbstwert von innen zu stärken und genetische Veranlagungen zu verstehen und bewusst annehmen zu können. Die aktuell belastende Situation kommt meist nur kurz zur Sprache und wird als Anliegen gesehen, bei dem es zu hinterfragen gilt, warum man sich in die Lage reingebracht hat.

Wie siehst du das Petra?

Petra: Ich sehe das ganz ähnlich. Jeder kann ein Burnout bis zu einem gewissen Grad mit Coaching oder Therapie bearbeiten. Im Coaching gibt es keine Diagnose, aber es geht je nach Coaching Art z. B. darum die Stärken und Ressourcen von den Klient:innen zu betonen oder aufzudecken und im Verhalten zu nutzen. Auch geht es oftmals um eine Verhaltensveränderung oder ein Umdenken. All das kann in einem Prozess der Abwärtsspirale helfen.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen, das Allerwichtigste ist, der erste Schritt. Aktiv werden – was zu einem späten Stadion sehr schwer ist – kann wie folgt ausschauen:

  1. Schaue in Google Maps nach Hilfe in deiner Umgebung, um lange Fahrtwege zu vermeiden
  2. Prüfe auf der Website die Zertifizierung und Ausbildung der Person (War ihre Ausbildung an einem Wochenende oder hat sie sich schon länger damit befasst?)
  3. Achte darauf, ob sie in einem Verband ist
  4. Führe einfach ein offenes Erstgespräch und achte dabei darauf, ob du dich wohl fühlst
  5. Starte zeitnah mit deiner ersten Stunde

Wichtig ist, dass Coaching keine Therapie ersetzt. Coaching wird auch keine Diagnose stellen und kann Betroffene trotzdem begleiten, Verhalten oder auch im Leben etwas zu verändern und die eigene Resilienz aufzubauen. Auch das Thema wieder gut für sich selbst zu sorgen und so Lebensfreude und Energie in Ihr Leben zurückzuholen, kann ein begleitender Coaching Prozess sein.

Aber ich möchte es noch einmal betonen, Coaching ersetzt keinen Arzt, Psychiater oder Therapeuten und auch keinen Klinikaufenthalt.

Steht dann Coaching mit Therapie in Konkurrenz?

Petra: Nein, überhaupt nicht. Cara und ich, möchten alle ermutigen, die eigenen Symptome ernst zu nehmen und früh genug etwas zu unternehmen. Das Schlimmste ist, einfach nichts zu tun – so wie ich damals, da ich es nicht besser wusste. Ich hatte mich im Vorfeld nie mit dem Thema Burnout auseinandergesetzt, war einfach ahnungslos! Erst einmal Hilfe suchen, denn eine Option des Wechsels besteht jederzeit und oft haben wir schon die Erfahrung gemacht, dass auch manchmal beides parallel auf seine Weise helfen kann. Jeder von uns arbeitet in verschiedenen ‚Schichten‘ der Persönlichkeitsstruktur und beide Wege bringen Leichtigkeit und Fortschritt in dein Leben. Oder Cara?

Cara: Absolut. Schöner kann ich es auch nicht sagen. Selbst unter Experten, wie uns beiden, ist die Abgrenzung von Coaching und Therapie kaum möglich. Auch ein Coach bedient sich einmal einer therapeutischen Methode und andersherum. Es gibt gesetzliche Regeln, die wir natürlich kennen müssen, die aber einen Patienten erstmal nicht interessieren muss. Dieser kann sich einfach bei seiner ‚erwählten‘ Person möglichst fallen lassen und ist in einem geschützten Raum. Der richtige Coach/Therapeut wird sich selbst gut einschätzen können, ob das Anliegen für ihn mit seinem ‚Werkzeugkasten‘ machbar ist, oder nicht.

Petra: Na und was sicherlich auch noch interessant ist: Coaching kann kurzfristig begleiten, ist dafür in der Regel aber kostenintensiver. Therapien gehen über einen längeren Zeitraum und sind vom Stundensatz günstiger oder werden von der Krankenkasse übernommen. Doch ich als Coach versuche mich immer so schnell wie möglich wegzurationalisieren, denn Coaching ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Das passiert bei Dir Cara, im Therapiebereich, auch, allerdings eher langfristig, oder?

Cara: Ja, das stimmt! Wir arbeiten Schritt für Schritt auf, schaffen Klarheit und stabilisieren. Wir sind in einer Zeit, in der es sicherlich mehr Sinn macht, zusammen zu halten und Hand in Hand zu agieren. In diesem Sinne, danke Petra, für das offene Gespräch.

Petra: Danke dir auch liebe Cara. Es ist mir ein echtes Vergnügen und auch Anliegen, das Thema Burnout und wer kann helfen auseinander zu dröseln. Ich schätze es vernetzt zu arbeiten und auch immer wieder mit dir im Austausch zu sein. So bleibt mir nur noch: Bei Fragen oder Bedenken, meldet euch gerne bei Cara oder mir!